Tagebuch

HELDEN AUF SCHWALBEN

ein Superhelden-Reise-Film



0, DIE SCHNAPSIDEE


Es ist irgendwas zwischen Drei und Vier in der Früh. Der DJ packt bereits die Koffer, die letzte Platte spielt Reinhard Mey und egal was wir den Barkeeper fragen: Er schüttelt nur noch müde den Kopf. Die Welt will das wir gehen, aber wir entscheiden zu bleiben. Unsere Augen funkeln noch.


Wir philosophieren übers Reisen, wie schön es ist unterwegs kleben, liegen und stecken zu bleiben und wie wertvoll die Momente, die weder geplant noch geahnt werden können. Im Rausch der vernebelt langen Nacht scheint nur eines halbwegs klar: Wir müssen aufbrechen. Und zwar sobald unsere Taschenkalender es zulassen.


Unausgesprochen steht fest, dass wir auf unseren Schwalben reisen werden. Auch wenn gefühlt jede zweite Kiosk-Tour in der Werkstatt endet, haben uns die alten Dinger den Kopf verdreht. Der ständige Benzingeruch, das Gluckern wenn der Motor absäuft und die eingeimpfte Nostalgie haben es uns angetan.


Gibraltar, sagt Quintus. Und er sagt es so, als gäbe es nicht den Hauch einer Alternative. Eine ganze Weile schaue ich in den Qualm seiner Zigarette. Ich frage nicht warum und wieso. Ich nicke bloß, fahre im Kopf durch Holland, Belgien, Frankreich, Spanien, Portugal und zähle 3500 Kilometer.


Als wir die Kugelschreiber-Striche auf unseren Bierdeckeln zählen,

lalle ich: Wir werden Superkräfte brauchen, um Gibraltar zu erreichen. Superkräfte, den ADAC und viel, viel Zeit. Wir schauen uns tief in die qualmroten Augen und besiegeln den Plan mit einem Handschlag.


6 Monate später ist unsere Schnapsidee auf dem Weg Realität zu werden. Am 1. August fahren wir los, wir haben uns entschieden aus der Reise einen Film zu machen und den flapsigen Kommentar über Superkräfte haben wir zum schillernden Motto der gesamten Reise erhoben.


Wir machen also eine Reise. Und über die Reise einen Film. Und all das ist jetzt schon, ohne auch nur einen gefahrenen Kilometer, ein ungewisses, großartiges Abenteuer.





1, THE RISE


Wie in der Anfangsszene von Kevin allein Zuhaus flirren wir am Morgen durch Quintus` Elternhaus. Haben wir alles? Filmen wir schon? Ein halbes Jahr lang haben wir gefiebert und gewartet - und dann, plötzlich, ist die Abreise da. Ganz nüchtern; mit Schinkenbrot, Spiegelei und frischem Kaffee.


Stumm vor Aufregung schlüpfen wir in unsere Kostüme. Unser anschließendes Lachen ist eine Mischung aus Glück, Angst und purer Hysterie. Als Quintus zum Abschied eine Träne rollen lässt, realisiere ich: Zwei Monate in bunten Strumpfhosen werden ... ja was eigentlich? Eben! Wir haben nicht die leiseste Ahnung.


Die ersten 100 km nach Bremen geben einen kurzen Vorgeschmack: Ein Zollbulli hupt vor Freude, der tätowierte Taxifahrer versteht die Welt nicht mehr und zwei Teenies aus dem benachbarten Kindercamp wollen Selfies und Autogramme.


Es ist gewöhnungsbedürftig als Superheld unterwegs zu sein. Wie die Affen im Zoo begafft und teilweise belächelt zu werden. Erstaunlich, was ein flatterndes Stück Stoff und eine billige Pappmaske alles bewirken können.


Im Zelt trinken wir ein lauwarmes Bier. Auf das es genau so kontrovers weiter geht! Und falls Batman das hier lesen sollte: Sag mal, hat Dein Anzug eine Lüftung? Wir schwitzen nämlich wie die Schweine.




2, AERODYNAMIK


Früh knurspeln wir uns aus dem Zelt. Wir wollen heute Strecke machen und bis kurz vor die holländische Grenze tuckern. Auf unserem Weg durch Bremen begegnen wir das erste Mal dem Reisepech: Quintus' Schwalbe hat einen Plattfuß.


In der urigen Gaststube 'Marianne' päppeln wir unsere knarzigen Knochen wieder auf. Es gibt Schnitzel mit Pommes, und am Ende hat die rüstige Marianne noch ermutigende Worte und zwei hochprozentige Klopfer in der Auslage.


Hoch motiviert verlassen wir die Stube und tüfteln spontan an unseren Superheldenskills. Mit Sicherheitsnadeln steigern wir die Flattereigenschaften unserer Umhänge um 200%. Wir jaulen vor Freude in den Fahrtwind.


Doch dann: Wir machen gerade Pause, als ein entnervter Hobby-Gärtner entdeckt haben will, dass wir eine seiner heiß geliebten Blumen touchiert haben sollen. Mit grüner Gießkanne im Anschlag rüpelt der Rentner vor sich hin: Wat ist denn mit euch verkehrt? Geisteskrank oder wat?


Wir dampfen lieber ab und genießen die blutrote Abendsonne. Danke Plattfuß, danke Marianne und danke Rüpelgärtner für diesen absurd schönen Reisetag!




3, WASCHTAG


Als wir am Morgen aus unserer Zeltsauna robben, sehen wir aus wie zwei verklebte, frisch geschlüpfte Küken. Dagegen hilft nur 10-Sekunden-Yoga und eine Tasse doppelt starken Instant-Kaffees.


An der ersten Tanke werden wir von einer Bande betrunkener Dorfjungs überrascht. Als wir die Kamera anknipsen, werden wir zu Statisten im eigenen Film. Im One-Taker fallen Punchlines wie: Ihr seid so krass, tschüsch?! & Ist das Spiegelkomplexkamera?! & Warum hat er gelbes Feuerzeug, wenn er der blaue ist?!


Nach diesem Höhepunkt der Filmgeschichte gehts rapide bergab. Die Straße, die wir nehmen müssen, ist gesperrt. Wir wollen trotzdem durch, versacken im Sand und fluchen gegen die Hitze an.


Völlig dehydriert, schmutzig und nass geschwitzt sehen wir aus, als hätten wir eine Grubenfahrt hinter uns. In einem Supermarkt gönnen wir uns ein Sandwich. Dann hängen wir eine Weile auf einem Bordstein ab und schweigen. Und schweigen.


Gott sei Dank übernachten wir heute bei Bekannten in Uelsen. Es gibt also ein Bett, eine Dusche ohne Fußpilzgefahr und endlich auch eine Waschgelegenheit für unser größtes Gut: Unsere Anzüge. Morgen Holland!





4, LET OP DREMPELS


Ein Bett ist bequem, aber um Sieben klingelt der Wecker. Filmdateien werden überspielt und vorsortiert, Powerbanks geladen und gepackt. Beim Frühstück ahnen wir nicht, dass der heutige Tag eine pralle, bunte Wundertüte bereithält.


Als wir an einer Ausfahrt halten, fährt plötzlich ein silberner Wagen vor. Es steigt ein Typ aus, der aussieht, als hätte er 'Kniffel', Geocaching und die Bratpfanne erfunden. Schneeweißes Haar, Bart und ein blitzendes Funkeln in den Augen.


Antonie ist 79 und ist uns mehrere Kilometer zu dieser Ausfahrt gefolgt. Fest hält er ein ledernes Fotoalbum zwischen den Fingern. Darin eine Sammlung wunderschöner, alter Zweiräder, seine junge Frau und er in den besten Jahren. Auf einem Bild leuchtet eine wunderschöne, gelbe

Schwalbe.


Bestimmt eine Stunde schwafeln wir halb höllandisch, halb deutsch, halb irgendwas. Als Abschiedsgeschenk schießen wir ein Polaroid von uns, vor den Mopeds. Langsam schiebt Antonie das Bild in eine freie Folie seines Albums. So kitschig, so schön und so lebendig, dass wir den Moment wohl nicht so schnell vergessen werden.


Ach ja, und die Geschichte von dem Sangria trinkenden Regisseur von 'Taken 2', der sich plötzlich entschlossen hat, ein Dauercamper zu werden, erzählen wir dann ein anderes Mal.


Hier steigt jetzt nämlich eine Camperparty mit einer Playlist, die selbst für den lumpigsten DJ eine Zumutung wäre. Also, nichts wie hin. Bis morgen!


PS: Wir sind in Holland.





5, STILLE


Nach der Party gestern geht alles ein bisschen langsamer. Spätestens bei holländischem Partyschlager hätten wir uns die Schlafsäcke über die Köpfe ziehen sollen. Das morgendliche 'Sachen packen' gibt's heute also in Katerstimmung.


Langsam traut sich auch das Campervolk nach draußen. Der schmächtige Mann im Unterhemd verschwindet regelmäßig im Dampf seiner E-Zigarette, während seine Frau die Fäkalien der letzten Woche entsorgt. Camperromantik, wohin das Auge reicht. Als wir Stunden später abfahren, gibt's sogar Applaus.


Sowieso ist Holland bisher ein Volltreffer. Eine Oma mit Rollator findet unsere Reise exquisit, ein Brückenarbeiter funkt vor Freude die Kollegen an, und ein Kind bleibt einfach stehen und staunt. Vielleicht steht es da immer noch.


Ansonsten war es heute ruhig. Das Meer hat uns nachdenklich gestimmt, und auf den endlos langen Straßen ist jeder ein bisschen bei sich. Erst am Abend tauschen wir uns aus. Ganz beseelt, im warmen Schlafsack.


Unser Zelt steht auf einem Bauernhof. Eine Kuh muht, ein Schaf mäht und ein Hund bellt. So einfach kann Glück sein. Morgen Amsterdam!





6, WOLF


Ich will heute gar nicht lang drum herum formulieren. Per Couchsurfing lernen wir Wolf kennen. Einen schlaksigen Typen, der uns in feinem Zwirn die Türen zu seinem kleinen Apartment öffnet. Dieser Mann ist das Beste, was uns passieren konnte.


Wolf malt, komponiert und schreibt. Bei einem Glas Rotwein hält er eine Ode an die Fantasie, die uns schlichtweg aus den Socken haut. Wir sitzen da wie Schuljungen, die zum ersten Mal das Alphabet verstehen.


Er strahlt, lebt für die Musik, haut auf den Tisch und fuchtelt mit den Armen. Jungs, sagt er laut, nachdrücklich und in gebrochenem Deutsch Geht da raus und bringt ein bisschen Fantasie zurück. Nur ein bisschen!


Hätte der Film noch keinen Namen, wir würden ihn Wolf nennen. Wirklich. Das ist pure Inspiration, so voller Leidenschaft und Hingabe, dass all der Schlafmangel, all die Hitze und all der Stress vergessen ist. Danke Wolf!


Diese Reise ist um so vieles reicher, als wir uns jemals hätten erträumen können. Jetzt wird ruhig und fabelhaft geschlafen. Morgen Den Haag!





7, SUPERKRAFT


Wolf tischt zum Frühstück eine lilafarbene Honig-Chilli-Paste auf, und dann geht's raus aus dem Stadtdschungel von Amsterdam. Nach dem gestrigen Tag fliegt es sich, auch ohne grüne Zauberpflanze, wesentlich leichter.


Ach ja: Wir stinken übrigens. Stehenbleiben ist keine Option mehr. Eine Bande Fliegen würde höchstwahrscheinlich sofort auf uns Platz nehmen. Haben wir eigentlich Scheuermilch dabei? Einen Sandstrahler? Stahlwolle?


Als wir am Campingplatz unsere Heldenanzüge waschen, kommt ein kleiner Junge mit Zahnlücke vorbei: Ihr seid Superhelden, hm? Der Blaue ist cooler (ich bin der Gelbe). Welche Superkraft habt ihr denn, wenn man fragen darf?


Ich muss eine Weile überlegen, um dem kleinen Dreikäsehoch Paroli zu bieten. Auch Quintus zuppelt nervös an seiner Sonnenbrille. Dann sage ich entschlossen: Wir sind naiv.





8, HELDEN ALLEIN ZUHAUS.


Wir haben sie gehänselt und gemobbt. Uns gewünscht, dass sie zumindest für einen Tag das Weite suchen möge. Doch als wir heute Morgen das Zelt verlassen, lautet der erste Satz: Scheiße, wo ist die Sonne?


Schon gestern Nacht lagen wir bei Blitz, Donner und Regen wach, haben

philosophiert, wie blitzsicher wohl in ein Zelt ist. Bei gefühlter Windstärke 10 verlassen wir in Boxershorts das Zelt, um unsere Mopeds an einen dicken Baum zu ketten.


Wir schaffen es heute bis Rotterdam. Dort surfen wir auf einer Couch von Hans. Der schreibt: Ich bin gar nicht da, Jungs, aber der Schlüssel liegt über der Tür.  Als wir reinkommen, hat sich in Hans' Apartment ein ganzes Rudel von Couchsurfern eingefunden.


Hans ist Lehrer und liebt es zu helfen. Er gibt kostenlos fast alle seine Räume her. Trotz womöglich vieler interessanter Menschen und Geschichten entziehen wir uns heute dem Reisetrubel. Wir fahren in die Stadt; ohne Kamera und ohne Kostüme.


Es ist Zeit für eine Pause. Einen Schnaps, um die letzten Tage zu verdauen. Also: Over and out. Morgen Antwerpen!





9, GEHEIMNISSE


Es regnet in Strömen. Zwei grinsende Gestalten in Regenschutzkleidung knattern auf bunten Mopeds durch eine idyllische Kurve. Plötzlich drehen die Gestalten um, fahren zurück, und sammeln ihre Kamera ein.


Auf der Reise einen Film zu drehen, bedeutet meistens genau das: Kamera aufstellen, vorbei fahren, umdrehen und wieder einpacken. Dazwischen ärgern, weil der echte, authentische Moment ja längst vorbei ist.


Unsere eigentliche Reise findet oft weit abseits der Linse statt. Wenn wir im Zelt Gedanken denken, die bei laufender Kamera einfach nicht entstehen wollen. Die besten Momente sind scheue Rehe. Sie lassen sich nur ungern erwischen.


So bleibt die Wahrheit der Geschichte also immer bei dem, der sie hautnah erlebt hat. Irgendwie auch  beruhigend ... dass es doch noch Geheimnisse gibt.


Wir sind in Belgien! Und morgen werden wir noch bleiben. Übermorgen geht's dann weiter Richtung Brüssel.





10, DIE MORAL VON DER GESCHICHT'


Wir sind den ganzen Tag unterwegs, aber am Ende sind wir nur einmal um den Block. Erst verliert Quintus seine Fußraste, und dann pustet der Wind meine Schwalbe einfach um. Blinker kaputt, Handy gesprungen.


Es regnet ohne Pause, und unsere Zwischenstopps haben mit Sightseeing herzlich wenig zu tun: Erst pausieren wir vor einer Militärbasis, dann qualmt unweit unserer Schwalben ein Atomkraftwerk.


Immer wieder werden wir beäugt wie zwei Aktivisten, die gleich krakeelend einen Aufstand machen. Aber das Gegenteil ist der Fall. Wir werden ruhig. Und wir kommen ins Grübeln. Wir können weder Knoten in Gewehrläufe machen, noch haben wir einen gigantischen Sektkorken, um den Schornstein eines Kraftwerks zu stopfen.


Aber wenn wir an solchen Plätzen stehen bleiben, halten die Leute an. Als würden sie merken, dass in diesem Fehlerbild irgendwas nicht stimmt. Und das könnte doch eventuell ein Anfang sein. Morgen Brüssel!





11, X


Früh wuchten wir uns aus dem Zelt. Als wir kurze Zeit später eine Pause machen, erkennen wir auf der anderen Straßenseite einen stylischen Tattooladen. Machen wir nicht. Nein! Auf keinen Fall.


Dann schlägt das Reiseschicksal zu. Der Tätowierer kommt nach draußen und wir verquatschen uns. Kurze Zeit später stehen wir im Laden. Und dann, plötzlich, liegen wir mit rasiertem Unterarm auf einer Pritsche.


Wir malen uns gegenseitig ein Kreuz auf die Haut, und dann geht es los. Die Maschine surrt und verewigt Ziel- und Startpunkt der Reise auf unseren dürren Unterarmen. Es gibt Pflaster, Schutzfolie und ein bisschen Bepanthen.


Haben wir tatsächlich ein Reisetattoo? Ja! Und es war schön, naiv und schön. Wir wollen keinen Pfennig, sagt Daniel. Steckt das Geld lieber in die Reisekasse. Wir sind berührt, begeistert und  fahren mit lautem Hupen davon. Das war mehr, als bloß ein bisschen Farbe.


Wenn ihr ein Tattoo wollt, ab nach Antwerpen. Es gibt sogar Cola und feine Menschen dazu. Jetzt sitzen wir im Garten von Couchsurferin Kathrin. Unter einem Kirschbaum und trinken belgisches Bier. Morgen Brüssel!





12, MALLE


Oma, wir sind irgendwo auf einem Campingplatz in Belgien und - wir haben ein Tattoo. Ein kurzer Moment der Stille, dann lautes Lachen, dann: Ach, Jungens, Ihr seid 3x7, Ihr macht das schon. Wir sind sogar fast 3x10!


Wenn der große Hunger kommt, wir niedergeschlagen auf dem Seitenstreifen hocken und Nüsse kauen, dann fragt man sich: Warum nicht Bier trinken auf Malle, drei Wochen Thailand oder Wandern in den Alpen?!


Die Antwort gibt's beim Nudelsüppchen vor dem Zelt. Die Brühe schmeckt einfach besser, wenn einem die Kilometer in den Knochen stecken. Wenn man da sitzt, schmunzelt, und der Tag langsam nachhallt.


Heute waren wir in Brüssel. Beäugt von bewaffneten Soldaten schieben wir die Mopeds vor die Tore des europäischen Parlaments. Leider ist Sonntag und die Politik hatte Pause. Gerne hätten wir ein bisschen Fantasie da gelassen.


Quintus ist der Navigator in unserem Tag-Team, aber wenn ich nicht irre, geht es morgen rüber: und zwar nach Frankreich. Vive la France!





13, ZU ZWEIT


Es ist 8 in der Früh und Quintus liegt noch in den Federn. Ein guter Moment, um die ersten Zeilen zu tippen. Auch wenn die Zeltwände dünn wie Papier sind, ticken die Uhren im Inneren anders. Langsamer vielleicht.


Manchmal fühlt es sich an, als wären wir wie ein junges Paar in unsere erste gemeinsame Wohnung gezogen. 24/7 teilen wir plötzlich alles. Wir ziehen uns verbal an der Haaren und wenn der eine die Faxen dicke hat, dreht er am Gas und fährt ein paar Meter voraus.


Unter den Strapazen der Reise, hilft es am Abend zu reden. Die Strapazen bei den Wurzeln zu packen und den Haussegen wieder gerade zu rücken. Manchmal reicht auch ein: Lass mal. Ich spül' heute ab.


Gestern habe ich geschrieben, dass eine Brühe besser schmeckt, wenn man Kilometer auf dem Buckel hat. Dasselbe gilt wohl auch für eine Freundschaft.


WIR SIND IN FRANKREICH! Und wir sind pitschenass; als wären wir hingetaucht. Wir übernachten heute in Guise, auf der Couch von Namensvetter Matthias. Er spricht zwar kein Wort Englisch, aber die Couch kriegt ne 1!


Morgen fahren wir 20 km weiter und treffen eine französische Journalistin. Aufregend! Bonne nui.




14, UTOPIA


Unser Couchsurfer Matthias ist Museums-Guide. In Guise hat Jean-Baptiste Andre Godin 1864 seine Utopie einer Fabrik erschaffen. Als wir mit Gratisbändchen durch die Gänge fliegen, hat sogar das Personal was zu gucken.


Anschließend sitzen wir in Unterhosen in einem kleinen Waschsalon, plaudern mit einer alten Dame via Sprachapp und schauen zu, wie unsere blau/gelben Kostüme in der Waschtrommel ihre Kreise drehen.


Dann geht's zurück auf die Straße. Unserer Utopie von einem Stopp in Gibraltar kommen wir heute nur langsam näher. Im zweiten Gang kämpfen wir mit 30 Sachen gegen den Wind. Eine Windstärke mehr und die Umhänge reißen uns den Kopf von den Schultern.


Dann landen wir in St. Quentin und geben ein kleines Interview für die städtische Zeitung. Morgen wollen wir wieder ins Zelt. Unter freiem Himmel schläft und denkt es sich am schönsten. Direccion Paris!


PS: Auf französischen Toiletten findet man Angela Merkel auf der Toilette.






15, EMERGENCY


If you are superheroes, you have to help people! - auf einem Zeltplatz in Holland, vor ungefähr einer Woche, wurde ein betrunkener Camper nicht müde, das immer wieder zu betonen.


I'm a journalist. if I can write a short story about your trip, you can stay at my place. Über diesen Deal landen wir auf dem Sofa von Alice. Als wir das Interview erledigt haben, geht's zum Plaudern in eine nah gelegene Bar.


Drei Weingläser später erzählt uns Alice, dass sie eine Stunde vor unserer Ankunft ihre 8-jährige Partnerschaft beendet hat. Nach einem emotionalen Kahlschlag klopfen also wir an: Zwei schrullige Superhelden, die dringend eine Dusche brauchen.


I thought about, to cancel your stay, but now I'm glad, that I didn't. Obwohl man ihr die Traurigkeit ansieht, muss sie lachen. Darüber, dass wir drei in dieser kuriosen Konstellation betrunken zusammensitzen.


Kurz vorm Schlafen liegen wir noch wach. Und wir sind uns einig: Das Heldenpraktikum ist durch. Berufsalltag, wir kommen! Noch zwei Tage, dann sind wir in Paris.





16, PEUGOT


Gestern Abend treffen wir eine eingefleischte Rockerbande: Greg, der Boss mit Cowboyhut, Fred, der Vokuhila tragende Bandenclown & Mick, der furzende Dritte. Als Aufnahmeritual gibt's Rotwein aus Blechbechern und 'ne fette Zigarre.


Dann fahren wir gen Paris. Es ist schwierig in Großstädten eine Couch zu ergattern, aber gegen Abend schreibt uns Nathan. I have already two surfers at my place, but you can sleep in my car.


Am Abend erreichen wir den Vorort von Paris. Nathan erwartet uns schon in seinem verbeulten, dunkelblauen Peugeot, der heute unser Schlafzimmer wird. Wir schmeißen das Gepäck in den Kofferraum und drehen noch eine Runde auf den Mopeds.


Später dudelt das Autoradio, und wir sehen dem Treiben in den Straßen zu. Auch wenn wir nicht fahren, spricht es sich im Auto irgendwie am Besten.


Jetzt kurbeln wir die Sitze nach hinten. Morgen umrunden wir den Eiffelturm!





17, JUNG SEIN


Bei einem Freudentanz und dem obligatorischen Foto vor dem Eiffelturm werden wir so oft Opfer von knipswütigen Touris, dass allein deren Aufnahmen für einen ganzen Film reichen würden.


Dann schreibt Claude, ein 72-jähriger Franzose, dass wir seine Couch besetzen dürfen. Als wir seine Wohnung betreten, pinkelt sein Hund mitten ins Wohnzimmer. Macht der immer, wenn er nervös ist. Claude spricht perfekt deutsch, trägt eine Jeansweste mit seinen Lettern auf dem Rücken und trinkt türkischen Tee in rauen Mengen.


Seine Lebensgeschichte füllt mehrere Bücher und geht in etwa so: Dann treffe ich einen Typen, der mir eine Wohnung schenkt, danach tausche ich ein Bild gegen ein Auto, kaufe ein Haus in Italien und liege mit nackten Damen in der Sonne. Ich hab einfach gelebt, Jungs. Ich war jung.


Claudes Leben scheint in bester Bewegung. Wir sitzen staunend da, während er stöhnend den Hunde-Urin mit dem Wischer beseitigt.


Jetzt kochen wir gemeinsam Pasta. Morgen bleiben wir noch in Paris. Weil's so schön ist!





18, HEIMWEH


Nach dem tollen Tag bei Claude klappern wir heute die Big 5 von Paris ab. Dabei nehmen wir uns etwas mehr Zeit als etliche Reisebusse. Ganz nach dem Motto Das Foto macht die Erfahrung steigen die meisten nur 5 Sekunden aus.


Bei einem Stopp auf der Champs-Elysees video-telefonieren wir mit der Heimat. Soweit man auch davonreist, ein vertrautes Gesicht gibt einem sofort das wohlige Gefühl von Zuhause sein. Das ist schön und tut gut.


Was machst du eigentlich, wenn wir wieder da sind? Pause und Du? Fernsehen! Bis zum Fernsehsessel ist noch Zeit. Tagtäglich sprießen Eindrücke wie Pilze aus dem Boden und wir werden ein bisschen brauchen, um das sacken zu lassen.


Bei Kaffee treffen wir eine Frau, die uns den 600 km entfernten Garten ihres Ferienhauses anbietet. Deal! Außerdem ist ein Haufen deutscher Touristen beim Anblick unserer Schwalben völlig aus dem Häuschen.


Ebenso wie Claude. Und unser Versprechen steht: Wenn du magst, besorgen wir dir ein Vögelchen und chauffieren es direkt vor Deine Haustür. Morgen raus aus Paris!





19, INKOGNITO


Heute Morgen sind wir mit der Kamera noch mal fix bei Claude vorbei. Er hat vor Jahrzehnten den Wehrdienst verweigert und dafür freiwillig 6 Monate im Knast gesessen. Seine Hauptaufgabe: Liebesbriefe im Namen seiner Zellennachbarn zu schreiben.


Wie Geschichtenjäger sind unsere Ohren immer gespitzt, wenn Menschen uns Dinge erzählen, die eigentlich kaum zu glauben sind. Umso schöner, wenn sich jemand so wohl fühlt, dass er einfach zu reden beginnt.


Unsere Kostüme entbehren sich heute jeglicher Etikette. Wir müssen ausnahmsweise eine Strecke ohne fahren. Fühlt sich speziell an, nicht ständig erklären zu müssen Wieso und warum. Trotzdem: Morgen schlüpfen wir sofort wieder rein.


Am Campingplatz basteln wir aus einer alten Fanta-Flasche einen neuen Blinker und tatsächlich: Das Ding leuchtet wieder im Takt. Der erste Regen wird's vernichten, aber für den Moment wäre MacGyver mächtig stolz.


Quintus lässt Tears in heaven aus unserer kleinen Bluetooth-Box erklingen, und wir sitzen stumm auf unsere kleinen Klapphockern. Das Reisen spült ständig neue Fragen an die Oberfläche.


Jetzt wird geträumt. Wie eigentlich jede Nacht auf Tour. Morgen Richtung Chartres!





20, HUNGERGAMES


Wir haben Hunger. Eigentlich immer. Meistens vergessen wir zu essen, um dann, im letzten Moment, wie zwei Trüffelschweine auf Sandwichjagd zu gehen. Am Ende der Reise wird Shirtgröße 'S' eine schöne Erinnerung sein.


Außerdem dürften wir den Umsatz von Maggifix um ein Vielfaches gesteigert haben. Jeden Abend serviert Chefkoch Quintus Hummel feinste Suppe oder Ravioli aus der Dose.


Unser Campingplatz hat sich in Alcatraz verwandelt. Wir kommen einfach nicht runter. Einem Radfahrer ist Duschgel im Gepäck ausgelaufen, und er besetzt die einzige Waschmaschine für Stunden. Um 16 Uhr kommen wir endlich, endlich los.


Nach langer Strecke schlagen wir unser Lager weit abseits einer Landstraße auf. Wir haben ein schönes Plätzchen mit Blick in die Ferne. Nur die Büsche wackeln, als hätten zwei Wildschweine Hochzeitsnacht.


Morgen schlafen wir bei Jean in Tours. Quintus klimpert schon mit dem Besteck. Ravioli sind fertig. Bis morgen!





21, OCEANS 2


Zum dritten Mal wollen die Kassierer im Supermarkt unsere Rucksäcke filzen. Das nächste Mal klauen wir ein paar Bananen und gehen als die auffälligsten Taschendiebe Frankreichs in die Weltgeschichte ein.


Dann heißt es Strecke machen. Der Zeitplan ist knapp. Am Ende der Tour müssen wir nahe Gibraltar einen sicheren Platz für unsere Mopeds finden. Ein paar Monate später holen wir sie dann mit dem Transporter zurück nach Deutschland.


Unterwegs rufen wir Peter an, um uns zu bedanken. Wir haben ihn am ersten Reisetag auf einem Campingplatz kennengelernt. Er ist dort Platzwart und versorgt uns seitdem regelmäßig mit feinsinnigen Gedichten.


Bei Maumau auf einem Rastplatz versuchen wir, die bisherige Reise Revue passieren zu lassen. Im Dschungel der Erinnerung finden wir Diamanten, die wir fast schon wieder vergessen hatten.


Couchsurfer Jean hat einen eigenen Tresen in der Wohnung. Genau da sitzen wir gerade und schauen mit belgischem Bier über die Dächer vor Tours. Morgen atmen wir Meeresluft!





22, TESTOSTERON


Nach einer kurzen Nacht landen wir heute bei zwei Couchsurfern in Poitiers. Beide sind leidenschaftliche Mitglieder einer Deathmetal-Band. Remi zeigt auf ein rostiges Garagentor: Ihr schlaft da drin! Als wir reingehen, erwartet uns ein Mancave vom Feinsten: Bar, Boxhalle, Bandraum.


Quintus und ich ziehen uns instinktiv die Boxhandschuhe an. Wir sehen aus wie zwei Pappenheimer, die mit Topflappen Fliegen fangen. Superhelden: Naja. Superausdauer: Nein. Nach 30 sek. liegen wir uns keuchend in den Armen.


Dann geht's in den Bandraum. Auf langen Strecken haben wir begonnen, aus unseren Huptönen einen kleinen Song zu komponieren. Unser heimliches Ziel: Den Song inkl. Schwalben im Bandraum mit Gitarre und Schlagzeug zu verfeinern.


Das wäre ein kleiner Traum. Die Jungs kommen gerade aus Deutschland und haben literweise Jägermeister mitgebracht. Da müssen wir jetzt durch.


Eine Dokumentation zu machen, heißt womöglich auch, für eine kurze Zeit in die Welten anderer einzutauchen. Also: Haben wir schwarze Shirts dabei?





23, ZEIT


Wir haben keine. Wir nehmen unseren Hupsong auf. Per Nachtfahrt geht es dann ans Meer. Wir jagen den Sonnenaufgang.





















24, CRASH


Den Sonnenuntergang wollten wir fangen. Am Ende fliege ich samt Moped bei 40 Sachen aus der Kurve. Alles heil, alles dran. Sogar das Moped hat bis auf Kratzer und den Rückspiegel alles überlebt. Nur meine Schulter braucht eine Pause.


Auch wir merken heute, dass der Unfall tiefer in den Knochen steckt als gedacht. Sogar Quintus muss durchatmen. Um drei Uhr nachts legt er mir am Straßenrand den Verband an. Dann tuckern wir mit Kopflampe durch die Nacht, finden ein Stück Rasen und schlagen erschöpft unser Zelt auf.


Da konnten wir gestern unser Glück kaum fassen, haben mit unseren Hupen einen Rocksong aufgenommen und heute ratschen wir haarscharf am Ende der Tour vorbei. Dass die Schwalbe und ich weiterfahren können, ist pures Glück. Danke Fortuna!


Der Tag heute dient der Gesundung. Quintus schlüpft in die Mutterrolle, serviert Melone, Dosen-Chilli und warme Worte. Für die Optik schneidet er mir am Abend mit Verbandsschere den Bart.


Puh! Morgen fahren wir dann hoffentlich ans Meer.





25, ASTRO-TV


Unsere Füße stehen im Sand. Wir sind am Meer. Fast 2000 km hat's gedauert und sie waren jeden Meter wert. Das Meer ist eine Attraktion für sich. Man kann dort Stunden lang verweilen.


Wir sind heute viel gefahren. Haben wenig gesprochen. Peu a` peu verschwindet die Sprache und wir verstehen ohne Worte, was der andere gerade braucht: Manchmal Ruhe, manchmal ein Gespräch.


Kurz vor knapp bekommen wir die Couch von Fred. Mein Haus ist am Ende der Straße, davor steht ein gelb-blauer Kleinwagen. Vielleicht liegt*s am älter werden, aber langsam beginne ich ans Schicksal zu glauben.


Wir sprechen über Berlin, die Liebe und warum sie so kompliziert ist. Darf ich Euch morgen interviewen, Jungs? - Wenn wir Dich im Gegenzug filmen dürfen? Abgemacht!


Wir werden das Gefühl nicht los, dass das Drehbuch unserer Tour schon lange vor Abreise fix und fertig, irgendwo, in einer verstaubten Schublade lag. Morgen gibt es Salz auf die Haut!





26, SAND


Sand im Haar, Sand im Ohr, Sand zwischen den Zehen. Wir nehmen 100

m Anlauf und dann flattern wir samt Umhang und Kostüm ins Meer. Nass und froh sehe ich auf Quintus' Schultern der Sonne beim Untergehen zu.


Wir haben den ganzen Tag bei Fred verbracht. Ein herzensguter Typ, der uns als Empfangsständchen die 'Marseillaise' auf seiner blechernen Trompete bläst. Und obwohl seine Mutter im Krankenhaus liegt, haben sein Vater und er uns aufgenommen.


Fred versorgt uns mit französischem Frühstück und feinen Anekdoten. Er repariert Quintus Rückspiegel und zum Abschied bittet er uns, auf seinem gelb-blauen Zauberauto zu unterschreiben. Gerne. Dann düsen wir los!


Jetzt sitzen wir im Zelt. Auf einer Düne, direkt am rauschenden Meer. Als kleine Belohnung haben wir uns heute eine Flasche billigen Weißwein gegönnt.


Danke Fred für die umwerfende Gastfreundschaft und das Allerbeste für deine Mutter. Du bist in Hamburg jederzeit willkommen! Morgen geht's nach Arcachon.





27, BALLON


Heute kommt alles anders als erwartet. Um 6 in der Früh kriechen wir aus dem Zelt, damit die französische Polizei uns nicht zum Teufel jagt. Dann brauchen wir Stunden, um die Tonnen Sand aus unserem Gepäck zu schütteln.


Vorerst scheint der Tag eintönig zu werden. Stundenlang fahren wir gerade aus. Als wir irgendwo halten und über gigantisch große Ameisen staunen, kommt ein Querkopf auf seinem lila Mofa vorbei. Hupend hält er an.


Fredo steigt ab und lacht sich die Seele aus dem Leib. Dann greift er in seinen Rucksack (bedruckt mit bunten Smileys), setzt sich eine Clownsnase auf, zieht ein paar lange Luftballons aus einer Plastiktüte und flechtet uns daraus ein kleines Moped.


Sag mal, träumen wir? Ein luftballonflechtender Clown, mitten auf einer verlassenen Landstraße irgendwo in Frankreich?! Als wir Fredo fragen, was für ihn Fantasie bedeutet, überlegt er keine Sekunde My balloons.


Dann tritt er sein Mofa an und knattert davon. Dann säuft es ab. Und dann ist er weg, als wäre er nie da gewesen. Das war zweifelsohne ein bisschen Magie. Morgen Ares.





28, HALBZEIT


Quintus und ich ziehen uns zur Besprechung in die Heldenkabine zurück. 4 turbulente Wochen sind rum. Schwer zu sagen, ob man 'erst' oder 'schon' sagen soll. Die Erlebnisse auf der Reise haben sich schlichtweg überschlagen.


Unsere Kostüme haben Löcher und Flecken, die nicht mehr rausgehen. Unsere Schwalben haben Kratzer, Risse und Beulen, die nicht verschwinden werden. Und sogar wir haben ein Zeichen auf der Haut, das für immer bleiben wird.


Neben all diesen 'permanenten' Dingen ist nach verhältnismäßig kurzer Zeit schon eines wesentlich stärker: Die Erinnerung. An all das, was war. Und dann natürlich die Aufregung vor all dem, was da eventuell noch kommt.


Wir haben heute extra eine bunte Lichterkette gekauft, um die goldene Mitte zu feiern. Als wir sie gerade stolz über Schwalben und Zelt gespannt haben, donnert heftiger Regen los. Egal! Wir drücken mit dem Schraubenzieher den Korken in die Flasche, und dann feiern wir trotzdem. Morgen starten wir in Hälfte 2!


PS: Danke an alle, die ihre kuriosen Zutaten in unseren dampfenden Reisekessel geschmissen haben. Wir hätten nie gedacht, dass der Zufall so viel Geschmack hat.





29, HAND IN HAND


Wir fahren heute stur gerade aus. Stets 10 m vor mir: Der blaue Quintus, mit flatterndem Umhang und wedelndem Handtuch auf dem Gepäckträger. Da mein Rückspiegel hinüber ist, gibt er mir Handzeichen, wenn hinter uns jemand überholen möchte.


Auch sonst gibt es mittlerweile klare Verabredungen. Während Quintus navigiert, halte ich nach Landschaften Ausschau, und wenn Quinse am Gaskocher zaubert, konzentriere ich mich auf den Blog. Danach besprechen wir gemeinsam, wie's am nächsten Morgen weitergeht.


Wie beim Tennisdoppel weiß mittlerweile jeder, wie und wo er sich am Besten bewegt. Der Zeltaufbau ist eine gut geprobte Choreografie und auch die Kamera steht samt Stativ mit optimiert wenigen Handgriffen. Am Endes des Tages spielt sich dieses Reisedoppel eben nur zu zweit.


Jetzt liegen wir im Zelt: Quintus links, ich rechts - wie immer. Routine kann so schön sein, aber nur, wenn sie wie auf Reisen, von einer gesunden Menge Chaos umgeben ist.


Wir haben uns gerade dran gewöhnt das morgendliche Baguette auf unsere Packtaschen zu klemmen, aber morgen fliegen wir für einen ersten Abstecher nach Spanien rüber. Muy bueno!





30, UNTER NULL


Da drohte es für eine Sekunde langweilig zu werden, da fängt mein Moped plötzlich an zu scheppern. Verdacht auf lockeren Auspuff: Pustekuchen! Nichts geht mehr, nicht mal schieben ist drin. Kolbenfresser here you are!


Das ist ein grobes Foul an unserer Tour. Wir zücken die gelbe Karte. ADAC! Mit einer Art Treppenlift wird mein altes Schätzchen auf den Transporter gehievt. Nach drei Werkstätten ziehen wir uns die Umhänge über die Köpfe. Kein Mechaniker traut sich ran.


Wir haben großes Glück, dass Quintus einen Kontakt in 40

km Entfernung hat. Nach langem Gequake mit dem Kundendienst, fährt

unser ADAC-Engel uns bis dorthin. Die Grenze Spaniens überquert

Quintus alleine und ich auf dem Beifahrersitz des ADAC-Transporters.


In diesem Tagebuch bevorzugen wir eigentlich blumige Töne, aber wir sind schlichtweg am Arsch. Heute Nacht werden wir uns die Heldenköpfe zerbersten und dann wird es irgendwie weitergehen. Wie? Wir werden sehen.


Wir trinken jetzt Schnaps. Und zwar den billigsten, den sie hier haben. Ein Abenteuer haben wir gesucht. Jetzt sind wir mittendrin.





31, SYMBIOSE


Wir haben einen Entschluss gefasst.























32, TRIO


Ab heute ist alles anders, hat Quintus heute Morgen leicht besorgt im Zelt geflüstert. Und ja, er hat Recht. Die zweite Hälfte unserer Tour hat eine völlig neue Richtung eingeschlagen.


Ab heute geht die Reise auf einer Schwalbe weiter. Wir trennen uns von der Hälfte des Gepäcks und verteilen den Rest auf unsere Rucksäcke. Es geht also im Schneckentempo und ohne Wechselklamotten weiter.


Ich nehme einen kurzen Moment für mich und mein Moped. Trennungsschmerz tut weh, aber wir haben keine Zeit für Drama. Ein paar Teile von meinem Moped schrauben wir als Andenken an die Schwalbe von Quintus.


Dann tauschen wir die Pullover und das Moped, Quintus und ich verschmelzen zu einer blau/gelben Einheit. Uns trennt weder der Joker, Mr. Freeze oder Gargamel.


Denn auch wenn wir langsam sind, haben wir endlich wieder Wind unterm Umhang. Und auf Reisen ist die stärkste Kraft die Bewegung. Und wir drei fahren uns gerade erst warm.





33, Manöver


Eine Traube spanischer Menschen brabbelt wild durcheinander. Dann tritt ein dicker Mann aus der Menge und malt mit Kugelschreiber etwas auf unsere gemusterte Papiertischdecke. Wir verstehen.


Die Straße, die wir fahren, geht die nächsten 5 km steil bergauf. Die Lösung der spekulierenden Spanier: Die Schwester vom dicken Mann fährt mich und Gepäck im Auto auf die Bergspitze. Quintus soll mit der Schwalbe hinterher.


Gesagt, getan. Am Gipfel angekommen springe ich dann wieder aufs Moped. Als es endlich wieder bergab geht, versammelt sich eine Gruppe Radsportler hinter uns. Im Windschatten unserer Umhänge fühlen sich die Drahtesel wohl. Nach ca. 20 min. biegen sie dann grinsend ab.


Das bergige Spanien fordert uns heraus. Auch morgen wird es zu hügelig, um die ganze Strecke zu zweit zu fahren. Wenn's nicht anders geht, wird einer die Etappe trampen müssen.


Jetzt gibt's Kartoffelsuppe, obwohl ich Kürbis wollte. Stein, Schere, Papier hat's mir versaut. Bitter. Morgen Burgos!





34, CHEATDAY


Quintus' Schwalbe heißt Penelope, meine Charlotte und da Penelope mittlerweile eine Kombination aus beiden ist, haben wir sie Penelotte getauft. Sie ist mehr 'alte Dame' als 'schnaufender Packesel' und deshalb braucht sie heute eine Pause.


Wir schreiben also den nächsten Ort (ca. 50 km, mehr ist mit dem neuen Setup nicht drin) auf ein altes Stück Holz und stellen uns zum Trampen an die Straße. Eine Stunde später hält unerwartet ein weißer Kleinwagen. Wir packen all unser Gepäck in den Kofferraum, dann steige ich zu, und Quintus fährt mit dem federleichten Moped hinterher. Die junge Bande im Auto wirft einen Blick auf unsere Polaroids, und wir lachen herzhaft über jedes einzelne.


Am Zielort warte ich eine halbe Stunde auf Quintus. Als er ankommt, fühlt es sich an, als hätten wir uns Tage nicht gesehen.


Jetzt sitzen wir auf der Couch vom Lehrer Jesus. Als wir ihm beim Spazieren ein Eis spendieren, sagt er: Danke Jungs, ich hab seit Jahren keins mehr gegessen. Na, wenn das keine Heldentat ist? Morgen Richtung Madrid!





35, ZWIESPALT


Wir kommen heute nicht weit. Dafür beschließen wir Drei spontan, noch enger zusammenzuwachsen. Als wir vor einer kleinen Schneiderei halten, kommt uns eine Idee: In einer ritterlichen Zeremonie zerschneiden wir unsere Umhänge.


Dann geht's in die Schneiderei. Es dauert eine Weile bis die Dame hinter dem Tresen versteht. Ja, genau, wir sind zwei Superhelden aus Deutschland, auf einem alten Moped, und wir wollen unsere Umhänge neu zusammensetzen.


Es gibt eine kurze Anprobe, und dann legt die Dame an der Nähmaschine los. Der ganze Laden freut sich. Am Anfang der Reise hab ich zu Quintus gesagt: Wen wir wohl alles treffen werden?! Darauf er: Denk's mal andersrum. Wer uns wohl alles treffen wird? Die Schneiderin hat jedenfalls nicht damit gerechnet.


Als wir das Polaroid machen, bemerken wir: Mit meiner gelben Hose sehe ich aus, als wäre mein Anzug aus einer deutschen Flagge gemacht. Wir stocken. Das ist wohl etwas, auf das man, aufgrund der Situation Zuhause, gerade nicht unbedingt stolz sein kann.


Ohne Vielfalt und Farbe wäre unsere Reise ein Witz. Und nicht nur die Reise, sondern alles andere auch.





36, FATA MORGANA


Nichts. Wir sehen nichts. Außer steinigen Wiesenflächen. Als wir endlich ein winziges Dorf erreichen, setzen wir uns mit zwei alten Herren auf eine Bank und trinken Bier aus Karaffen. Das macht man da so.


Exakt 1000 km vor Gibraltar bleiben wir stehen, stellen die Kamera auf und plappern drauf los. Wer diese Aufnahme später sehen wird, könnte

ein Gefühl dafür bekommen, was es mit uns gemacht hat, dass wir

24/7 in komischen Anzügen aufeinander hocken.


Nach weiterer Einöde biegen wir irgendwann rechts ab. Wir finden einen traumhaften See und springen gleich mit Anzügen rein. Ich tauche ab und reiße die Augen auf. Quintus' Umhang gleitet durchs türkise Wasser. Man könnte meinen, dass wir fliegen.


Jetzt machen wir ein Feuerchen, spießen kleine Würstchen von der Tanke auf unsere Campinggabeln und dann wird pfadfindermäßig gegrillt. Bald sind wir in Madrid!





37, SINN


Warum auch immer: In den letzten Tagen ist das Ende aufgetaucht. Irgendwo da hinten können wir es ahnen. Und immer stärker taucht die Frage auf, warum wir diese Reise machen und ob es überhaupt irgendeinen Sinn ergibt.


Haben unsere Begegnungen was verändert? Will irgendein Schwein sehen, was wir da gefilmt haben und vor allem: Haben wir selbst etwas gelernt, ganz heimlich für uns alleine? Für all das, was kommen wird, wenn wir beide wieder zurück in den Alltag eiern?!


Wir wollen mal nicht zu pathetisch werden, weil wir zwei Monate das Weite suchen. Die Fragen stellen wir uns dann im Schaukelstuhl, wenn unsere Urenkel darüber schmunzeln, dass wir alte Säcke damals in 4k gedreht haben.


Wir ertränken die Melancholie jetzt in billigem spanischen Bier. Die Kostüme sind wieder trocken und wir haben Lust auch mal am Abend durch die Straßen zu fegen.


Normalerweise fallen uns gegen 11 die Äuglein zu, aber heute gibt's 'ne Dose Redbull und dann schaffen wir's vielleicht ne Stunde länger. Übermorgen Madrid!





38, DOMINO


Wir schlafen heute bei einem Couchsurfer, der fast 10 Jahre jünger ist als wir. Nach mehreren, deutlich älteren Gastgebern dreht sich das Erfahrungskarussell und wir können so tun, als hätten wir ein klein bisschen Weisheit in den Taschen.


Als ich um die 30 war, hab ich auch eine große Reise gemacht. Das haben wir auf der Reise immer wieder zu hören bekommen. Aber dass jemand sagt: Ich möchte auch mal auf Tour sein, so wie ihr, das ist neu und schön. Vielleicht haben wir ja einen kleinen Anstoß gegeben.


So führt das Eine zum Nächsten. Und das Nächste zum andern. Der 20-jährige Jolios organisiert uns eine Unterkunft für morgen. In Madrid. Seine Tante legt uns eine Matratze ins Wohnzimmer. Shes very cool. Perhaps a little bit spiritual.


Es stellt sich raus, dass sie Tarotkarten legen und deuten kann. Kein Zweifel, dass wir morgen ein Blick in die Zauberkugel werfen werden. Mal schauen, was die Zukunft bringt.


Wie auch immer die Karten fallen: Die Affen auf Gibraltar sollten schon mal die Straßen räumen. In zwei Wochen sind wir da!





39, HEX HEX


1000 Höhenmeter nach Madrid. Zu zweit unmöglich. Wir teilen uns erneut auf. Quintus alleine, ohne Gepäck und ich mit dem Bus hinterher. Die Fahrt nach Madrid ist nicht ungefährlich, und ich bin heilfroh, als

wir in Madrid wieder vereint sind.


Wie angekündigt, schlafen wir heute bei der Tante unseres gestrigen Couchsurfers. Als wir die freigeistige Dame auf ihre Tarotkünste ansprechen, sagt sie todernst: Of course, I'm a witch. Für eine halbe Sekunde friert die Zeit ein. Wir zucken schaudernd zusammen.


Dann gehen Quintus und ich einmal um den Block. Durchatmen. All die Eindrücke sind kaum zu verarbeiten und unsere Kraftreserven scheiden dahin. Wir sitzen kurz auf einem Bordstein und tun ganz einfach - nichts.


Dann geht's zurück auf den Blocksberg. Gleich gibt's Süppchen aus dem Hexenkessel. Spaß beiseite: Wir nehmen die Hexenweisheiten ernst.


Gegen Mitternacht gibt's Räucherstäbchen und Zaubersprüche aus der Hexenbibel. Morgen wissen wir, was morgen sein wird.





40, BLICKE


Es hat sich was verändert. Umso zerrissener und schmutziger unsere Kostüme, desto abwertender und ekelhafter die Blicke, die uns treffen. In der U-Bahn überlegen die meisten 2x, ob sie sich neben uns setzen.


Am liebsten würde man aufspringen, den Sound der Umwelt für einen Moment auf Stille polen und fragen: Ist hier eigentlich irgendwas verkehrt? Ohne Moped blättert der Superheldenglanz, und aus Helden werden Jungs, die aussehen, als würden sie nachts auf den Straßen Spaniens schlafen.


Von oben herab angeschaut zu werden, ist ein Gefühl, das wir nicht vergessen werden. Umso beeindruckender die Menschen, die trotz Dreck, Schweiß und durchlöcherter Hose eine offene Tür für uns haben. Hoffentlich haben wir was draus gelernt.


Die Hexe war heute noch nicht bereit für die Zukunft. I need moonlight, hat sie vorhin gesagt. Dann aber spätestens heute Nacht, denn morgen früh sind wir weg. Na, wenn das mal kein Cliffhanger ist.





41, TAROT


Das Räucherstäbchen ist aus, die Teelichter gelöscht. Das Weltall hat gesprochen und genau das hat es gesagt:


Vergangenheit: Stärke, Resistenz, Stolz, Selbstkontrolle, sentimentale Wunde, Arroganz, Selbstmanifestation bekämpfen, Kern der Frage.


Gegenwart: Geniale Ideen, Vorhaben, Kommunikation, Prüfung bestehen, Schönheit, Eleganz, Narzismus, junge Frauen, neue Freundin.


Zukunft: Unentschlossenheit, Verletzungen, bevorstehende Prüfung, körperliche Anziehung, Verliebtheit, Eleganz, Koketterie, künstlersicher Sinn, verliebtes Dreieck.


PS: Danke Fabrise, fürs Frisieren unserer Bärte. Endlich haben wir wieder Luft im Gesicht.







42, WIFI


Das wär's dann, oder wollen Sie noch Wifi für 4 € dazu buchen? Auf der ganzen Reise haben wir kein einziges Mal das Wifi-Zeichen auf unseren Handys angeknipst. Heute, am teuersten Wifi-Camping-Spot Europas, machen wir eine Ausnahme.


Als die Rezeptions-Dame uns den kleinen Zettel mit dem Passwort überreicht, fühlen wir uns, als hätten wir soeben den Code zu einem Schweizer Schließfach geknackt. Wir. Haben. Internet. Im Supermarkt kaufen wir ein paar Kekse. Heute wird ein Film auf dem Handy geschaut.


Wir grinsen über beide Ohren. Die normalsten Dinge wachsen auf Reisen zu den schönsten Erlebnissen. Wir sind so aufgeregt, dass selbst der ZDF-Fernsehgarten uns eine Gänsehaut verpassen würde.


Wir legen uns die Kostüme als Kissen unter die Köpfe und dann kann das Filmabenteuer beginnen. Zurück in Hamburg werden wir uns an Bett und Matratze erst Mal wieder gewöhnen müssen.


So. Die Kekse sind auf. Es geht los. Was wir schauen? Egal. Hauptsache es bewegt sich.





43, MOMENT


Auch wenn man es nicht erkennen kann - ich lache auf dem Foto. Wie Usain Bolt versucht Quintus Hummel unter 10 sek. Selbstauslöserzeit auf den Heuballen zu kraxeln. Gespannt warten wir auf das Ergebnis: Um Haaresbreite geschafft!


Unser tägliches Polaroid ist eine Wundertüte. Nach dem Auslöser ist das Foto das, was es eben ist. Keine Korrektur, kein Filter. Nichts wird verschleiert oder ausgetauscht. Ein Polaroid presst den Moment schonungslos aufs Papier. Genau so, wie er eben ist.


Auch wenn die Bilder für unser Tagebuch gedacht waren, haben wir sie mittlerweile als Geschenk entdeckt. Begegnungen, die besonders toll sind, frieren wir mit der Kamera ein und lassen sie als Andenken zurück.


Wir schlagen unser Zelt heute direkt neben einer Landstraße auf. Stumm liegen wir da und hören zu, wie alle 20 Sekunden ein Auto vorbeirauscht. Wir sind nervös. Noch 500 km bis zum Ziel.


Was machen wir eigentlich, wenn wir da sind? Keine Ahnung. Werden wir ja sehen. Werden wir! Und dann machen wirs genau wie mit den Polaroids: Moment einfangen und für immer in die Tasche stecken.





44, KOLLAPS


Hast Du den Rest vom Baguette gegessen? Die Zahnbürste ist nicht da, wo sie hingehört!? & Warum ist der Kameraakku nur halb geladen? Kleine Nickligkeiten haben sich angehäuft. Wie Dreck unter unseren Fingernägeln.


Heute Morgen explodiert das kleine Pulverfässchen. Am Ende sage ich: Halts Maul, ich geh jetzt um die Ecke. Worauf Quintus Ja, komm hau ab, verpiss dich. vom Stapel lässt. Dann stehen wir eine Weile beleidigt in der Gegend rum.


15 min. später klopfen wir uns wortlos auf die Schultern, wischen uns

ein Tränchen aus den Augen und vergessen den pingeligen Scheiß. Zu

zweit haben wir weit mehr durchgestanden. Zahnbürste und Akku halten

uns jetzt nicht mehr auf!


Der angepeilte Campingplatz ist zu einem Geistercamp verkommen. Hinter dem verrosteten Tor hat ein Haufen Spinnen die Rezeption eingenommen. Es ist spät, und wir müssen ein kleines Hotel nehmen. Anders geht's nicht.


Das Zelt wäre uns lieber gewesen, denn auch wenn der Untergrund stetig wechselt, fühlen wir uns innen drin Zuhause. Morgen können wir vielleicht Gibraltar sehen!





45, NARNIA


Haben wir noch Benzin im Kanister? Nein! Schaffen wir es bis zur nächsten Tanke? die Antwort braucht Quintus nicht mehr zu geben. Das Moped stottert sich gluckernd in den Stillstand.


Wir stehen in einem Meer von Olivenbäumen, aber wir haben Glück. 'Nur' 3 km ist die nächste Tanke entfernt. Abwechselnd schieben wir Penelotte bei 30° durch die Prärie. 4 Stunden später erreichen wir nass geschwitzt das ersehnte Ziel: Benzin!


Es dämmert schon, aber kein Couchsurfer meldet sich. Wir wagen den Klassiker und schlagen unser Zelt unter einer Brücke auf. Doch dann, aus heiterem Himmel, schreibt der 56-jährige Antonio aus dem 30 km entfernten Cordoba. 'Es ist spät, aber wenn ihr wollt, kommt vorbei.' Wir zögern keine Sekunde und bauen das Zelt, im Schein unserer Handys, wieder ab.


Antonio begrüßt uns mit einer herzlichen Umarmung, serviert frische Melone und hat in seinem, mit Gold verzierten Marmorbad schon zwei Handtücher für eine dringend nötige Dusche präpariert. Seine Wohnung ist ein Palast, voll mit wunderschönen, antiken Artefakten, von denen jedes eine eigene Geschichte hat.


Antonio ist ein Lebemann im besten Sinne. Wir schweifen durch die Nacht, begrüßen küssend alte Damen, probieren verschiedene Biere und schunkeln zu spanischem Flamenco. Der Abend endet um 5 in der Früh, mit Scharade in einem spanischen Innenhof.


Jetzt tut uns der Kopf weh, aber dieser Abend war wieder mal ein Reisewunder. Ein bisschen so, als hätten wir spät nachts unter der Brücke das versteckte Tor nach Narnia entdeckt. Noch 350 km!





46, ANTONIO


Antonio reiht sich in die Gruppe von Menschen ein, die wir nicht vergessen werden. Die Kopfschmerzen heute Morgen sind der handfeste Beweis dafür, dass wir uns gestern Abend viel zu gut verstanden haben.


Wir brauchen lange, um aus den Federn zu kommen, aber Antonio hilft, wo er kann. Er leiht uns sogar zwei identische Poloshirts, weil unsere Anzüge in der Waschmaschine stecken. Er organisiert einen Theaterbesuch, zeigt uns die Stadt und lädt uns anschließend zum Essen ein.


Wir sagen ständig danke, versuchen ihn an anderer Stelle einzuladen, aber er winkt immer bescheiden ab. No guys, I'm just happy to meet you. It's okay. Gastfreundschaft ist eine Tugend, die wir nach der Reise mit anderen Augen sehen werden.


Ach ja, und sollte irgendwer mal in der Nähe von Cordoba sein, ist ein Besuch hiermit dringendst empfohlen. Selbst der Burgerking um die Ecke sieht hier aus wie ein Gemälde aus dem 18. Jahrhundert. Noch 3 Tage!





47, IM CLUB


Wir verabschieden uns wehmütig von Antonio. Dann schlängeln wir das Moped vollbepackt durch die engen Gassen Cordobas, wieder hinaus in die unendlichen Olivenhaine Spaniens. Adios, du schönste Stadt der ganzen Reise!


Als wir so vor uns hintuckern, überholt plötzlich ein Auto und winkt uns auf den Seitenstreifen. Zwei Jungs mit Vespa auf dem Shirt kommen aus dem Staunen nicht mehr raus und laden uns ein Dorf weiter auf ein Bierchen ein.


Für unser tägliches Polaroid fährt einer der beiden sogar kurzerhand nach Hause und holt das Clubbanner aus der Garage. Dann überreichen uns die Jungs, Victor & David, Aufnäher und eine Fahne. Wir sind drin, im Club 'Vesteta'. Danke für die Blumen, Jungs!


Es passieren ständig Dinge. Nichts steht still. Als wir 20 km weiter unser Zelt aufschlagen, kommt ein Typ mit seiner Vespa angebraust. Mein Bruder hat angerufen. Zwei Verrückte aus Deutschland sind in der Stadt.


In 3 Tagen ist unsere Reise um und dann wird es zumindest für eine kurze Zeit ganz, ganz still werden. Und ganz ehrlich: Nach 7 Wochen lautem, brummendem Reise-Bass können wir es kaum erwarten. Noch 2 Tage!





48, ÜBERN BERG


Was macht ein Reisender am Ziel? Das ist die Frage, die sich in den letzten Tagen aufgedrängt hat. Morgen werden wir es wissen! Dann zum großen Finale ein letztes Mal auf die Straße.


Es ist unfassbar, dass eine einzige Schwalbe uns so weit getragen hat. Überall, wo wir halten, blähen Menschen ihre Wangen auf und schütteln ungläubig den Kopf. Die letzten Tage haben unsere Kraftreserven leergesaugt. Es wird Zeit für die Landung!


Es ist zu früh, um ein Resümee zu ziehen, aber eins ist sicher: Wir habens versucht. Wir haben versucht, einen Film über unsere bisher absurdeste Reise zu drehen. Vieles ging in die Hose; oft haben wir uns geärgert, Momente verpasst oder nicht einfangen zu können.


Aber wir haben dazugelernt. In so vielen Dingen. Über uns, über andere und den Alltag abseits der Komfortzone. Wir haben Menschen zum Lachen und Nachdenken gebracht und uns, und unser Projekt ständig hinterfragt. Das tun wir übrigens immer noch.


Wenn wir morgen ankommen, sind wir der Antwort auf die Frage, die wir auf einem Stück Pappe fast die komplette Reise mit uns tragen, und die wir allen Menschen auf der Tour gestellt haben, vielleicht ein kleines Stück nähergekommen: Was ist eigentlich Fantasie?





49, ENDE


Am höchsten Punkt Gibraltars, mitten in unserer letzten Aufnahme, kommt ein Affe und schmeißt die Kamera um. Mit knallroten Köpfen können wir nach 49 Tagen, die sich wie ein Jahr anfühlen, über ein kaputtes Objektiv nur noch müde lachen.


Die Reise ist aus. Die. Reise. Ist. Aus. Was gibt es noch zu sagen, außer: Das war eine wunderschöne Zeit. Das war eine fantastische Zeit. Eine Zeit, die wir nie, niemals vergessen werden. Und wir sind heilfroh, dass sie vorbei ist.


Es ist ein kleines Wunder, dass wir trotz all den Widrigkeiten am Ziel sind. Wir haben es schon mal betont, aber wir wiederholen uns gern. Die Helden dieser Reise waren meistens die anderen. Wir sind stolz, dass wir dabei sein durften.


Ein dickes Dankeschön an alle, die hier ab und zu reingeschaut haben. An alle, die uns angeschrieben und ermutigt haben. Das war toll und hat uns große Freude gemacht.


Jetzt blicken wir nach vorne, auf ein neues, anderes Abenteuer: Den Film! Aber vorher lassen wir alles sacken. Alles! Und jetzt essen wir Pommes mit Majo! Ende.


PS: Einen letzten Eintrag gibt es morgen noch. Den wahrscheinlich wichtigsten von allen.





50, PS


danke Peter, danke Wolf, danke Katherina, danke Mathias, danke Helene, danke Alice, danke Claude, danke Anna, danke Michaela, danke Nathan, danke Jean, danke Remi, danke Fred, danke Fredo, danke Katrin, danke Fernando, danke Gioele, danke Clara, danke Monika, danke Daniel, danke Jesus, danke Antonio, danke Semi, danke Bea, danke Simon, danke Susanne, danke Opa Hännes, danke Marion, danke Fabrice, danke Thomas, danke Tom, danke Viktor, danke David, danke Bernd, danke Maria, danke AKF, danke Charlotte, danke Penelope, danke Brückenarbeiter, danke Oma mit Rollator, danke rüstige Frau hinter der

Theke, danke netter Mann im Café, danke Mann mit Scooter, danke

Schwimmbadmitarbeiter, danke, die ihr uns ein Eis ausgegeben habt, danke Zeltnachbarn, danke Bäckersfrau, danke Fredos Vater, danke Taken 2 Regisseur, danke Frau, deren Adresse wir verloren haben, danke Wirt, danke Polizisten, danke Fotografin, danke alte Männer auf der Bank, danke ihr jubelnden kleinen Mädchen im Auto, danke Mann mit Gießkanne, danke Mann, der uns doch noch in die Ausstellung gelassen hat, danke Daumenzeiger, danke Taxifahrer, danke Tramper, danke helfender Mann in der Gasse, danke britisches Paar, danke Affe, danke Rockerbande, danke alte Frau im Waschsalon, danke Apothekerin, danke Gang an der Tanke und danke Detlef, der du jeden Abend diese Zeilen hochgeladen hast. Danke!